Peter M.

ALS ALLES AUS DEM LOT GERIET


Dr. Siegbert Tempelhof 

KRANKHEITSURSACHE ATLASWIRBEL

Auszug aus der kostenlosen Leseprobe.


Peter M. beschrieb seinen Zustand wie einen Muskelkater nach einer ungewohnten Anstrengung, zusätzlich fühlte er sich müde und zerschlagen. In den nächsten Tagen kamen als weitere Symptome ein zeitweises Kribbeln der Hände, das mitunter regelrecht als Taubheit zu spüren war, sowie Schmerzen in der Brustwirbelsäule, vom Nacken aufsteigende Kopfschmerzen und ein unangenehmes  Schweregefühl des Kopfes hinzu. Die darauf folgenden Tage verliefen wechselhaft, gute und schlechte Perioden wechselten miteinander ab. Zeitweise war ihm schwindlig, und er hatte das Gefühl, das Gleichgewicht nicht immer kontrollieren zu können. Flüchtige schwarze Punkte konnten vor seinen Augen auftauchen, die Welt erschien ihm manchmal wie hinter einem Schleier, farblos und verschwommen.

 

Seine Stimme konnte sich von einem zum nächsten Moment verändern. Sie fühlte sich dann wie belegt und kratzig an, ein Kloßgefühl im Hals entstand. Beim Essen kamen mitunter Schluckbeschwerden hinzu, als ob der Hals zu eng geworden sei, die Kiefergelenke knackten und konnten sich beim Kauen unrund anfühlen. Störend war auch ein zuweilen auftretendes Rauschen im Ohr.

 

Er bekam das Gefühl, wie neben sich zu stehen, sein Körper gehorchte nicht mehr und fühlte sich seltsam entrückt an. Er war leicht reizbar, konnte nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig machen, Gesprächen mit mehreren Gesprächspartnern, auch in der Familie, konnte er kaum noch folgen. Hintergrundgeräusche in Kneipen störten ihn maximal, grelle Lichtreklamen am Abend in der Stadt taten ihm regelrecht weh. Das morgendliche Joggen hatte Peter M. aufgegeben, die Erschütterungen beim Laufen verursachten ihm zu viele Probleme. Sein ganzes Leben war mühevoll geworden, die Leichtigkeit war verflogen. 

 

DER LEIDENSWEG VON PETER M.

Peter M. wartete zunächst mal ab, dachte, die Beschwerden würden schon wieder vergehen. Nach zwei Wochen suchte er seinen Hausarzt auf. Er benötigte eine Krankschreibung, da ihm das Arbeiten zunehmend schwerfiel. Peter M. wurde einige Tage krankgeschrieben, es ging auf und ab, die Beschwerden und Symptome wurden allerdings mehr, weshalb er in der darauffolgenden Woche den Hausarzt erneut um eine Verlängerung der Arbeitsunfä- higkeit ersuchte. Auch bekam er Physiotherapie (= Krankengymnastik) verschrieben. Peter M.  ging wieder arbeiten. Unter der Physiotherapie besserte sich das Beschwerdebild, viele der beeinträchtigenden Symptome blieben aber. Der Hausarzt stellte aus diesem Grund eine Überweisung zum Orthopäden aus, anschließend zum Neurologen. Es erfolgte eine Röntgenaufnahme, eine Kernspinuntersuchung der Halswirbelsäule, später noch des Schädels. Bei allen Untersuchungen konnte kein Schaden festgestellt werden, alles war okay  – o. B., also ohne Befund, wie der Mediziner sagt.

 

Zumindest war Herr M. beruhigt, dass keine Gewebeschäden und auch keine Ausfallserscheinungen der Nerven bei den Untersuchungen gefunden wurden. Er organisierte seinen Alltag so gut wie möglich und hoffte auf eine allmähliche Besserung. Nach sechs Wochen war eine gewisse Stabilisierung eingetreten, allerdings auf einem niedrigen Niveau mit weiterhin deutlichen Beschwerden. Peter M.  konnte mit Einschränkungen mühsam seinen Alltag bewältigen. Nach drei Monaten ging es ihm wieder ein klein wenig besser, gute und schlechte Phasen wechselten häufiger miteinander ab. Peter M.  klagte weiterhin über seinen Beschwerdekomplex mit deutlicher Einschränkung seiner Leistungsfähigkeit. Hausarzt und Fachärzte, die er wiederholt ohne neue Untersuchungsergebnisse konsultiert hatte, nahmen eine psychische Überlagerung an, möglicherweise ein Burnout, woraufhin Peter M. eine ambulante Psychotherapie begann. Hier lernte er, besser mit seinen Beschwerden umzugehen, die  Therapie schaffte eine gewisse Erleichterung, die Beschwerden allerdings blieben mit phasenhaften Verläufen und insgesamt zu verzeichnender Besserung noch immer auf einem sehr unangenehmen Niveau.

 

Alle beruflichen Ambitionen hatte Peter M. zur Seite gelegt, es ging nur um die Alltagsbewältigung. Neben den klassisch schulmedizinischen Behandlungen bei Orthopäden, Manualmedizinern, Neurochirurgen, Schmerztherapeuten oder Psychologen hatte sich Peter M. mehrfach Physiotherapeuten, Osteopathen, Akupunkteuren, Homöopathen anvertraut. Alle Therapien konnten keine nachhaltige Verbesserung erzielen. Nach einem Jahr geht Peter M.  in eine stationäre Rehabilitation, orthopädisch mit psychosomatischer Komponente. Die Reha tut ihm gut, im Wesentlichen jedoch bleiben die Beschwerden weiterhin bestehen. Peter M. ist zunehmend verzweifelt. Niemand kann ihm nachhaltig helfen, er hat das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden. Spezialisten in Praxen und auch in der Universitätsklinik erklären, dass die Halswirbelsäule diese Beschwerden nicht auslösen kann. Er müsse etwas anderes haben. Mit dem Unfall habe dies alles nichts mehr zu tun. Peter M. zweifelt an sich selbst, an der Medizin, an den Ärzten, er weiß nicht, was er noch machen soll.